Walthari

Besprechungen

 
8. April 2018
 
Bauer, M. (Redaktion): Mittelweg 36, Heft 4-5 (Oktober 2017).
Schwerpunktthema: Antiakademismus, mit mehreren Abbildungen,

Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, 189 Seiten,
18,- Euro, ISSN 978-3-86854-743-0
 
Nach dem Vorwort von Hanna Engelmeier und Philipp Felsch sind die zehn Beiträge »weder (als) Antiintellektualismus noch (als) aggressive Bildungsferne« zu lesen, sondern als »wissenschaftliche Projekte, intellektuelle Ambitionen und Profile, die ihre Profile über die Negation der real existierenden Universitäten gewonnen haben« (5). Die These lautet: Wissensproduktion und Widerstand gehören dialektisch zusammen. Daraus dürfe nicht allein Negation abgeleitet werden, sondern auch Reformbewegungen (7). Unter den vier Begründungstypen wäre die Selbstzerstörungswille mangels Widerstand gegen die Bildungspolitik (s. Bologna-Reform) hinzuzufügen. Antiakademische Muster hätten Familienähnlichkeit und Stilwille, Subjektivität und politische sowie existenzielle Dringlichkeit zu Merkmalen, »die sich in der Distanz zum Akademischen« manifestieren (10). Nicht erst den 68er Protestlern seien die Lehrenden als geborene Antiakademiker vorgekommen, deren »intellektuellen Fähigkeiten… sie bestenfalls zu mittelmäßigen wissenschaftlichen Leistungen« befähigt hätten. Engelmeier und Flesch hegen mit »von uns gewählt(en) Optik« die Hoffnung, »die Entstehung neuer Wissensformen zu erfassen« (11), wobei »Negation… als treibende Kraft« ist (11): Da wird nicht nur weit ausgeholt, sondern auch in absolute (also reine) Anfänge abgehoben (»Grundsätzliche Frage«, Krise der Legitimität von Gerichten usw.). Zum Schluß fragen sich die beiden Autoren allerdings, ob Antiakademismus nicht ein allzu »wohlfeile Position darstellt« (13). Es ist ihnen »schmerzlich bewußt…, wie fragil Institutionen sind, von deren Erhalt unsere Lebensbedingungen … abhängen.« Als ein seit bald fünfzig Jahren lehr- und forschungsaktiver Universitätslehrer wundere ich mich immer wieder über überschießende Sehnsüchte und Generalisierungen. Widerstand war und ist gewiß meine zweite Natur auch an der Universität (vgl. die Schrift ›Mein sonderbares Leben‹, Walthari-Verlag, 2018), doch das Revolutionäre sollte kein ideologisches Gewand tragen, wenn es nicht zur (auch fundamentalistischen und gewaltbereiten) Auskehr kommen soll (wie bei der Bologna-Reform und den Achtundsechzigern). Unter diesem Motto lese ich die weiteren Beiträge in diesem Sammelband. Dabei geht es u.a. um Streithähne, Junghegelianer und Pseudowissenschaftler. Eva Geulen liefert eine kräftige Gegenstimme. Ich habe die ersten Jahre nach 1968 als Professor noch erlebt, und wundere mich über manche Aussagen im Interview mit W. Kraushans.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com








18. März 2018
 
Körtner, U. H. J.: Für die Vernunft.
Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche,
Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, 172 Seiten, 15,- Euro,
ISBN  978-3-374-04998-1
 
Als Bundeskanzlerin Merkel im Herbst 2015 angesichts der illegalen Masseneinwanderung nach Deutschland die hochemotionale Willkommenskultur ausrief, hielt ihr der damalige Bundespräsident Gauck keineswegs schlimmen Rechtsbruch vor, sondern sprach von einem Akt der Menschlichkeit. Moral also vor Recht. Als der Flughafen Hahn aufgrund der Regierungsnaivität in Mainz in eine Investorfalle aus China geriet, zeigt sich die SPD-Ministerpräsidentin Dreyer zutiefst betroffen, statt die Verantwortung zu übernehmen. Gefühl statt Vernunft, gespielte Moral statt Recht. Solche raffinierten Ablenkungsmuster findet man täglich in der Politik und in kirchlichen Kreisen. Der Theologe Körtner (Wien) entfaltet die Problematik systematisch und anhand aktueller Beispiele. Er hält es gegen Küng für »eine trügerische Hoffnung«, die »divergierenden Ethiken in ein universales Weltethos« aufheben zu können (29). Moral, Gefühle und Emotionen müssen vor dem Tribunal der Vernunft bestehen, ein Test, den Merkel, Gauck & Co. bei der Flüchtlingskrise 2015 nicht bestanden haben. Körtner zitiert Jüngels provokanten Satz: »Werteethik und christlicher Ethos sind einander feind« (34). Er warnt vor der »Gefahr einer Tyrannei der Werte«. Jedes »Wertedenken (sei) seiner Tendenz nach eminent aggressiv« (35). Mit Luhmann gesprochen: »Aufgabe der Ethik als kritische Theorie der Moral ist es, ›vor Moral zu warnen›.« (37).
Das Taschenbuch sollten Politiker, Unternehmer und Kirchenleute ständig in der Jackentasche bereithalten, auch wenn Körtner strenge Begriffsdifferenzierungen vornimmt und zum Konstruktivismus neigt (34, 55 et passim).  , weshalb es gleichgültig sei, ob eine Demokratie «homogen oder pluralistisch, mono- oder multikulturell entworfen« sei (55). In diese Falle ist Böckenförde mit seinem berühmten Zitat nicht geraten, wenn er als Prämisse »von innen her… (eine) Homogenität der Gesellschaft« voraussetzt. Der Neue Realismus (vgl. Markus Gabriel) erinnert an die verlorene ontologische Basis, die man bei Körtner auch dort vermißt, wo er auf den Islam eingeht (u.a. 62). Den Kirchenleuten wird es schwer aufstoßen zu erfahren, daß jede Hypermoral zur Reduktion und Funktionalisierung der essentiellen (!) christlichen Botschaft führt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
   




18. März 2018
 
Tegmark, M.: Leben 3.0 
Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz.
Aus dem Amerikanischen von Hubert Mania
Ullstein Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 528 Seiten,
Hardcover, gebunden, 26,- Euro, ISBN 978-3-550-08145-3
   
Der Autor ist Professor für Physik am MIT und wird, blickt man auf das Echo nach der 1. Und 2. Auflage, als exzellenter Kenner der Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI) gepriesen. Das Buch besteht aus acht Kapiteln und einem je ausführlichen Vor- und Nachwort. Es ist auch für KI-Laien geschrieben, was allein schon daran erkennbar ist, daß nach jedem Kapitel ein Fazit gezogen wird. Tegmark geht in mehrfacher Hinsicht ins Grundsätzliche und äußert sich über künftige Zustände einer überschießenden KI (infolge selbstlernender Systeme), über einen möglichen Kollaps und über die egalitäre Utopie, in der eine Superintelligenz ein friedliches Nebeneinander von kybernetischen Organismen und Menschen beschrieben wird. Zentral geht es um die Formen des Bewußtseins, das sich beim Menschen auf biologischer Basis entwickelt hat und das nun mit Hilfe des Menschen auf materielle Systeme übertragen werden kann, die den Homo cupidus zu versklaven drohen. Anthropologisch drängt sich die Frage auf, wie sich das traditionelle Menschenbild (der Mensch als ›technisches‹ Mängelwesen) und kybernetischer Systemüberlegenheit (Superrechner erweisen sich dem Menschen ›technisch‹ weit überlegen) einpendelt. Die nicht-technischen Qualitäten (Gewissen, Moral, Gefühle usw.) des Althomo (vgl. die Figur in meinem Roman ›Stimmen im Labyrinth‹, Walthari-Verlag, Münchweiler 2010) kommen unter die Räder der Technoveros (KI-Spezies). Tegmark geht viele denkbare Folgen und Utopien durch und bespricht sie kritisch, freilich nicht unter dem Aspekt der Religions- und Kulturphilosophie, die doch zu dem überschäumenden KI-Szenario vieles zu sagen haben. Das Defizit zeigt sich eindrucksvoll an Aussagen über die Religion und die Freiheit. Der Autor denkt sich Szenen mit einer »Schutzgott-KI« aus (265 ff.), die doch recht oberflächlich ausfallen (etwa beim Theodizee-Problem), weil der ganze spirituelle und mythologische Tiefenraum unberücksichtigt bleibt. Bei der KI-Dynamik ist es wahrscheinlich, daß die technisch nur unvollkommen faßbaren Gebiete (vgl. 400 ff.) links liegenbleiben, da die halbgebildete Menschheit der Faszination des Techno-Zaubers noch mehr unterliegt als heute. Das wird sich rächen. Tegmark sollte man lesen, um nicht allzu überrascht zu sein.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



18. März 2018  

Mayer-Schönberger, V. und Thomas Ramge: Das Digital.  
Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus,  
Econ Verlag, Berlin 2017, 3. Auflage, 304 Seiten, Hardcover, gebunden,  25,- Euro,
 ISBN 978-3-430-20233-6

 
Nach der bekannten angelsächsischen Erzählart wird der Leser mit Beispielen in die Materie der zehn Kapitel eingeführt. Die Kapitelüberschriften lauten und sagen schon damit einiges über die Reichweite aus: 
  1. Datenkapitalismus
  2. Koordination
  3. Märkte
  4. Datenreichtum
  5. Unternehmen
  6. Automatisierung
  7. Geld
  8. Feedback
  9. Arbeit
  10. Freiheit.  
Mayer-Schönberger hat in Oxford einen Lehrstuhl für Internet Governance inne, der Journalist Ramge schreibt u.a. für den Economist. Das Leitbeispiel in Kapitel 4 veranschaulicht den Stil und die neue Marktidee. Berichtet wird über die Leistungen der Künstlichen Intelligenz in Gestalt eines Rechners namens Libratus. Der Supercomputer zeigt sich beim raffinierten Pokerspiel seinen menschlichen Partnern überlegen. »Seit 1996 haben Menschen keine Chance mehr gegen Schachcomputer« (74). Aus den selbstgelernten strategischen Eigenschaften ziehen die Verfasser Konsequenzen für das Marktgeschehen (77 ff.). Traditionelle Märkte leiden unter Informationsdefiziten und orientieren sich zu sehr am Preis. Dem können elektronische Datenverarbeitungen abhelfen, indem sie Profile erstellen über Begleitfaktoren, die in die Entscheidungen  eingehen. Beim Hemdenkauf: »Größe, Stoff, Farbe, Paßform, Ärmellänge, Kragenform und Marke« (80). Der Online-Händler bestückt seine Produkte mit diesen Zusatzdaten, und Käufer können ihr Wunschpaket ins Netz setzen und nach Deckungsgleichheit suchen. Entscheidend ist die Kategorisierbarkeit der Produkteigenschaften. Bei Büchern, Sportartikeln, Haushaltsgeräten u.a. sind solche Muster einfach, bei Wohnungseinrichtungen, Partnerwünschen u.ä. dagegen nicht. Nicht der Datenreichtum erschweren die Bildung des Algorithmus, sondern offene Präferenzen. »Amazon sucht in Daten nach Mustern, die unsere Vorliebe verraten«, wir müssen gar nicht erst befragt werden (89). Gewiß mögen auch Datenmuster gut ermittelbar sein, sie erfassen doch nur unvollkommen die Denk- und Gefühlsmuster, die permanent wechseln. Mit den technischen Zugriffen gehen die kulturell so wichtigen Ambivalenzen und Existenzialen verloren. Dazu lese man das Kapitel ›Freiheit‹. Bildung z.B. ist mehr als Lernoptimierung.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com



3. März 2018
 
Ziegler, Leopold:  Der europäische Geist. Die Neue Wissenschaft
Zwei vergessene Schriften, hrsg. von Sophie Latour,
Verlag Die Graue Edition, Kusterdingen 1995,  227 Seiten, 17,- Euro
ISBN3-906336-15-8
 
Die meisten Berühmtheiten hatten und haben nur temporäre Konjunktur, nach einem Hoch folgt das Vergessen.  Das trifft auch Leopold Ziegler (1881-1958)  beispielhaft  zu. Zu Lebzeiten wurde er mit Preisen bedacht und stand in der Ruhmreihe mit Martin Buber, Romano Guardini, Rudolf Otto u.a. Seine Schriften kennen heute  nur noch wenige Ideenhistoriker, weil Zieglers Weltbild so gar nicht in das Neuzeitschema passen will. Die Graue Edition bot Sophie Latour (Bordeaux) die Gelegenheit, zwei seiner Werke 1995 wieder zugänglich zu machen. Doch die humanistisch hoch angereicherten Schriften kamen auch als Neuauflage nicht über die erste Ausgabe hinaus. Ein Hinweis nach dreiundzwanzig Jahren in Form einer Kurzbesprechung ist schon deshalb angebracht, weil in die Beschleunigungen und Verwerfungen des Zeitgeistes Sand ins Getriebe zu streuen ist. Vielleicht hören es einige Walthari-Leser knirschen und greifen zu diesem wahrhaft gehaltvollen und preiswerten Buch. Nach Ziegler lehrt uns humanistische Bildung, »daß die tiefsten und letzten Geheimnisse in ihm (dem gebildeten Menschen) entschieden werden«. Der Philosoph warnt vor der Hybris des Verstandes und der Verwissenschaftlichung und plädiert für eine eher meditative Weltwahrnehmung. In seiner Europaschrift (1929) zeichnet er den Entgöttlichungsprozeß seit dem Aufkommen der Naturwissenschaften nach, wobei sich Geist und Leben entfremdet haben. Daher die immerwährende Unruhe bei verfehlten Selbstwahrnehmungen. Beim Lesen wird man an Meister Eckhart erinnert. Die schwache Rezeption Zieglers erklärt sich u.a. auch daraus, daß er keiner Schulphilosophie angehörte und quer zum Szientismus und zur kirchlichen Dogmatik stand. Europa, so Ziegler, könne sich in seiner weltgeschichtlichen Singularität wiederfinden, wenn es sich auf seinen Geist besinne. Ähnlich ›weltfremd‹ und gerade deshalb nachdenklich fällt das Plädoyer für eine Erneuerung der Universität aus. Zu den Gestaltprinzipien der Universitas gehöre ihre ganzheitliche Sicht auf die Wissenschaften und den Menschen. In eine Reformschrift zur Universität ein Kapitel mit der Überschrift einzufügen ›Der Raub am Heiligen› (156 ff.), ist mehr als eine Provokation. Ziegler verdeutlicht sein Ansinnen mit dem Hinweis auf Heraklits Backofenbetrachtung (159). Will sagen: Im »wurzelhaft-letzten Unbekannten des Seins« mahnt das Heilige, das Ehrfurcht gebietet, Gewiß, man kann nicht mehr auf fünf Fakultäten haften bleiben, auch nicht mehr an zahlreichen anderen Deutungen Zieglers. Doch der Grundgedanke, bei aller Funktionsexplosionen den Menschen im Mittelpunkt nicht zu vergessen, ist nicht überholt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com




 3. März 2018
 
Liebsch, Burkhard: :  Zeit-Gewalt und Gewalt-Zeit.
Dimensionen verfehlter Gegenwart
Verlag Die Graue Edition, Prof. Dr. Alfred Schmid-Stiftung,
Zug/ Schweiz 2017, 370 Seiten,  32,50 Euro
ISBN 978-3-906336-7-1
 
(1) Der Autor denkt »im Horizont einer Welt, die den Anspruch auf ein wirklich lebbares Leben nicht nur rechtlich jedem zuerkennt, sondern auch praktisch gewährleisten sollte« (173, kursiv im Original). Für ihn befindet sich die »Welt-Bürger-Gesellschaft«  »in statu nascendi« (155). Die klassischen, d. h. »bornierten Nationalkulturen (189) seien dafür ebenso ein Hindernis wie alles andere, was sich dem in den Weg stellt. Migration geht für Liebsch  mit dem Recht auf Bleibe einher. Wer sich Flüchtlingen verschließt, verschließt sich »auch… jedem Anderen« (185). Der utopische Gehalt dieser Auffassung zeigt sich in der Forderung, »sich Flüchtlingen auszuliefern (!), ohne ihnen vorweg die ›Vertrauensfrage‹ auch nur zu stellen« (186). Ohne »Vertrauensfrage«, d. h. doch wohl ohne rechtliche und praktische Regulierung (188 unten). Für den Autor zählen die vielen Gewaltakte, die Flüchtlingsströmen immanent sind, wenig, er malt mit Georges Bataille das Schreckbild einer »homogenen Gesellschaft« an die Wand, womit die Unfähigkeit, »in sich selbst einen Sinn und Zweck zu finden«, einhergehe (105). Zuviel French theory für Weltverhältnisse,  die sich partout nicht nach Utopie-Modellen richten wollen. Liebsch widmet ein ganzes Kapitel dem »Gewaltpotenzial ethnischer Homogenisierungen« (195 ff.), die es nicht einmal in Abschottungsstaaten gibt. Was denken sich Leser und vor allem Leserinnen, die in multikulturellen städtischen Milieus praktische Erfahrungen gesammelt haben?

(2) Den Kapiteln ›Vorübergehen und Bleiben‹, ›Gehen und Fliehen› sowie ›Verdrängen und Fürchten‹ gehen die Kapitel ›Verlieren und Verschwenden‹ sowie ›Zeit-Verschwendung‹ voraus. Dabei referiert Liebsch Überlegungen von Canetti, Pessoa, Bohrer und Feyerabend. Dem Rezensenten sind seit je diese Quellen vertraut, er hat sie literarisch und wissenschaftlich verarbeitet und über die Gabenökonomie (M. Hénaff) ein ganzes Semester gewidmet. Liebsch interpretiert das komplexe Gedankengut entlang seiner Kernfrage zu: »Wie ist geteilte, nicht verfehlte soziale Gegenwart möglich?« Der Begriff des ›Sozialen‹ wird hier mit bedingungslosem Teilen affiziert. Um diesen Fokus entwickelt Liebsch  eine Zeit-Gewalt- und Gewalt-Zeit-Theorie. Dieses Denkgebäude bildet dann die Grundlage für die oben beschriebene Weltgesellschaft.

(3) Das Buch mutet inhaltlich und auch formal dem Leser einiges zu. Er trifft auf ganze Passagen mit ununterbrochenen Fragesätzen. Er begegnet klassischen Formaten der Hochmoral, die das verzwickte Leben überfordert. Die zitierten Gewährsleute waren und sind keine hilfreichen Zeugen. Was kann schon z.B. Pessoas ›Buch der Unruhe‹ für praktikable Lösungen in der Flüchtlingsfrage hergeben? Das Personenregister ist lückenhaft (Simmel, Hénaff u.a. fehlen).
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



10. Januar 2018
 
Göller, Th. (Hrsg.): Grundlagen der Religionskritik
Königshausen & Neumann, Würzburg 2017, 319 Seiten, 49,80 Euro
ISBN 978-3-8260-6266-7
 
Religionskritik gehört auch vor der Aufklärung zur Begleiterin der verfaßten Glaubensgemeinschaften, doch ihr systematischer philosophisch-wissenschaftlicher Ansatz entwickelte sich auf breiter Basis erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: mit d’Holbach, Voltaire, Locke, Lessing u.a. Kant und Hegel führten die Religionskritik auf einen ersten Höhepunkt, indem sie sie in die Philosophie eingliederten: diese habe jener »mit kritischer Bedenklichkeit nachzuspüren«. Religionskritiker lassen sich in vier Haltungsgruppen einteilen: totale Ablehnung der Religion versus kritische Begleitung, externe Kritik versus interne Kritik. Die zehn Beiträger in diesem Sammelband vertreten externe kritische Positionen. Alle Texte kreisen um die Spannung zwischen Vernunft/gesichertes Wissen versus Glaube/Fürwahrhalten. Herausgeber Thomas Göller führt begriffsanalytisch in diese Problematik ein (9-66!). Titel: ›Zur philosophischen Religionskritik‹. Als eine Art Widerpart bezweifelt Werner Flach die Möglichkeit einer ›Religionsphilosophie?‹ Das Fragezeichen bezieht sich auf den rational nicht beweisbaren Geltungsanspruch der Religion bzw. des Glaubens. Der Anspruch ist somit eine Anmaßung« - mit Blick auf die Vernunft (wohlgemerkt). Flach untersucht die spezifische, d.h.. außerrationale Geltungslegitimation der Religion, denn »die Anmaßung soll gerechtfertigt sein« (311). Sie besitze keine »philosophiesystematische Evidenz. Die sehr kurvenreiche Argumentation läuft  zunächst auf eine monadische Subjektkompetenz hinaus, diese wird aber am Schluß wieder aufgehoben: »Der Mensch ist diesem Anspruch gemäß der Würde des Subjekts entkleidet« (314). Übrig bleibe die pure Existenz »als Prae und als Ultimo«, doch dieser »unspezifische Horizont… ist philosophiesystematisch rundherum destruktiv«. Fazit: »Religion und Glaube sind geltungstheoretisch nicht zu legitimieren.« Was bleibe, sei Rhetorik und der Ausschluß aus dem »positiven Systembestand der Philosophie« (316). Das steht im Gegensatz zu einer langen Denktradition.
Die Beiträge über Kants und Hegels Auffassungen lesen sich alternativ. Tilman Nagel und Wolfgang Bock nehmen sich ganz unphilosophisch den Islam vor und verweisen auf unaufhebbare Grenzen und Selbstwidersprüche. Wer genau liest und das islamische Selbstverständnis ernst nimmt (vgl. meine Artikelserie »Islam: Den Koran beim Wort und die Mullhas  ernst nehmen‹ in diesem Walthari-Portal), kommt an dem Befund nicht vorbei: Der Islam ist mit seinen Absolutheitsansprüchen zivilisatorisch nicht integrierbar.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 

6. Dezember 2017

   
Denker, A. und Zaborowski, H. (Hrsg.)::
Heidegger und der Humanismus, Heidegger-Jahrbuch 10, 
Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2017,
293 Seiten, Fadenbindung, Hardcover, 50,- Euro,
ISBN 978 3-495-45710-8
 
Die kleine Schrift ›Über den Humanismus‹ von Martin Heidegger (ich benutze die 9. Auflage von 1991 des Verlags Vitorio Klostermann, 57 Seiten, 1. Auflage 1949) zählt weltweit zu den klassischen Schriften nicht nur in der Philosophie. Nach fünfzehnjährigem Schweigen hatte sich Heidegger nach dem Zweiten Weltkrieg wieder vernehmbar gemacht und gleich mit einem Textschwergewicht, das eine mittlerweile unüberschaubare Interpretationsliteratur nach sich zieht. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, kann auf das ›Heidegger-Handbuch‹ (2003) zurückgreifen, dort findet sich eine Analyse von Dirk Mende auf den Seiten 247 bis 259.
Der ›Brief‹ umkreist die Schwerpunkte Sprache, Machen, Maß, Denken, Techne, Sein, Seiendes, Öffentlichkeit, Subjektivität, Sorge, Metaphysik, Kategorie, Ex-sistenz, Kehre, Lichtung und natürlich ›humanitas des homo‹. Diese und weitere Schlüsselwörter decken einen Großteil der Philosophie Heideggers ab. Wendungen wie »Die Sprache ist das Haus des Seins« oder »Das Sein ist das Nächste. Doch die Nähe bleibt dem Menschen am weitesten« oder die These, daß der Mensch mehr sei als »ein Lebewesen unter anderen«, bestimmen bis heute die Debatte. Das vorliegende ›Heidegger-Jahrbuch 10‹ greift mit achtzehn Beiträgen einige Schwerpunkte heraus und kann auf dem Hintergrund gelesen werden, daß die Referate auf einer Konferenz der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar im Dezember 2012 gehalten wurden. Das erklärt, warum in einem Beitrag die Gottesfrage explizit gestellt wird. Ben Vedder kommentiert zusammenfassen seinen Text (288): »Für Heidegger ist die Frage nach Gott verbunden mit der Frage nach dem Sein.  Die Frage nach Gott hängt seiner Meinung nach von der Nähe des Seins ab. Es  ist in dieser Nähe, dass eine Entscheidung über die Frage, wie Gott zu nennen sei und was die Bedeutung von ›Gott‹ sei, vollzogen werden kann. In dem ›Brief‹ wird gesagt, dass ein bedeutungsvolles Verständnis des Begriffes Gottes nur innerhalb eine Erfahrung des Heiligen entwickelt werden kann.« Daneben wird Humanität u.a. in Verbindung mit Ek-sistenz (Eduard Zwierlein), Metaphysik (Charles Bambach), ›Sein und Zeite‹ (Günther Neumann) und Ethik (Werner Moskopp) referiert. Jens Zimmermann kritisiert die Auflassung Heideggers, wonach »jeder Humanismus… eine die Seinswahrheit verstellende Metaphysik repräsentiere«. Heidegger versuche, mit dem Seinsbezug de Humanität »der Objektivierung der menschlichen Existenz in der Moderne entgegenzuwirken« (290). Der Philosoph verzerre damit den Renaissancehumanismus. Man muß schon von dieser Kurzfassung auf den Haupttext umsteigen, um zu verstehen, wie Zimmermann die Fehlinterpretation begründet: Weil der Mensch sich selber anstelle des Seins in den Mittelunkt stelle (Anthropologie), konnte es, so Heidegger, zur instrumentellen Vormacht von Wissenschaft und Technik kommen. Diesen anthropozentrischen Objektivismus unterwirft Zimmermann einer tiefgreifenden Kritik (229 ff.,). Auch jeder Fachwissenschaftler sollte zu diesem Jahrbuch greifen, um z.B. nicht in Empirismus zu verfallen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 




29. November 2016 /  31. Oktober 2017
 
Kaufmann, Th.: Erlöste und Verdammte.
Eine Geschichte der Reformation,
mit 103 Abbildungen, davon 58 in Farbe,
C.H. Beck Verlag, München 2016, 512 Seiten, 26,95 Euro

 
Um das Gesamturteil vorwegzunehmen: Wer das umfangreiche Buch für einen wahrlich nutzerfreundlichen Preis erwirbt, hält einer der besten, wenn nicht die beste Darstellung der ersten hundert Reformationsjahre in Händen. Darüber hinaus bietet der Kirchenhistoriker Kaufmann in den beiden Abschlußkapiteln einen Überblick über die Zeit danach, am Schluß nicht ohne davor zu warnen, im ›Lutherjahr‹ 2017 die Reformation falsch zu vereinnahmen. Um auf einen unstillbaren Lesegeschmack zu kommen, sollte man, nach einem Einblick in das umfangreiche Inhaltsverzeichnis und  in den voluminösen Apparat (über 70 Seiten, mit Zeittafel, Orts- und Personenverzeichnis, Bildnachweis, lediglich ein Stichwortverzeichnis fehlt) mit dem kurzen Epilog (425-427) beginnen, worin es programmatisch heißt:
»In gewisser Weise ist die frühe Reformation so etwas wie der Mythos des neuzeitlichen Protestantismus geworden. Der Reiz, sich auf diesen Mythos zu beziehen, besteht darin, dass in ihm vieles lebendig und möglich ist.. Die frühe Reformation scheint die polypotente Zelle des Protestantismus zu sein. Wohl nur deshalb können sich Erwartungen mit dem Jubiläum des Jahres 2017 verbinden, die eine abgeklärte historische Vernunft für schwärmerisch halten wird… 
Was könnten wir in der frühen Reformation finden?
  • Eine Organisationsvision der Kirche, die von der Gemeinde her gedacht und angelegt ist, nicht von einer klerikalen Funktionärshierarchie;
  • ein gärendes Christentum, das von begeisterten und beunruhigten Laien beiderlei Geschlechts getragen und entscheidend gestaltet wird;
  • eine wagemutige, streitbare evangelische Geistlichkeit, die mit überkommenen Rollenmustern bricht und in der seelsorgerlichen Predigt und der theologischen Argumentation ihre Hauptaufgabe, ihr Kerngeschäft sieht;
  • eine gegenüber der Judenheit dialogisch gesinnte, lautere, hörend-lernbereite, ehrliche und entschieden nicht triumphierende Kirche;
  • eine heilsame Konzentration der theologischen Lehre auf Gottes in seinem Sohn Jesus Christus nahe gekommene, unverdiente Gnade, auf das menschliche Ungenügen und auf die Liebe zu den näheren und ferneren Nächsten; eine Frömmigkeit, die nicht bei sich selber bleibt, sondern in die Welt zieht, ökumenische Gemeinschaft sucht und schafft, die Grenzen des Anderen respektiert oder überwindet;
  • eine bunte, vielstimmige Sprache, die aus der Begegnung mit dem biblischen Wort erwächst und Herzen und Hirne erreicht.
Diese Reformation steht noch aus.«
So eingestimmt kann das Leseabenteuer beginnen, linear mit den Hauptkapiteln:
I.                   Luther und die Reformation
II.                Die Europäische Christenheit um 1500
III.             Die frühe Reformation im Reich bis 1530
IV.            Das Reformatorische Europa bis 1600
V.               Die Reformation und die Neue Zeit
VI.            Die Wahrnehmung der Reformation in der Neuzeit

Wohl nur wenige Leser werden die insgesamt achtzehn Unterkapitel von Anfang an durchlesen, vielmehr einzelne Kapitel herausgreifen, so etwa:
  • Erhoffte und gewordene Reformation
  •  Dreizehn stürmische Jahre
  •   Luthers Bruch mit dem Papst
  •   Innerreformatorische Zerwürfnisse
  •   Johannes Calvin und die reformierte Internationale
  •   Die Transformation des römischen Katholizismus
  •    Deutung und Debatte.
Auch für das Reformationsjahr gilt die Kluft zwischen dem deutungsoberflächlichen »Wildwuchs« (Fr. Lau), der aus der Reformationsgeschichte herausholt, was ihm gefällt, und dem wahren Gesamtbild mit hellen und schwarzen Seiten. Beim reformatorischen Aufbruch spielten die historisch  herangereiften politischen sozialen und kulturellen Faktoren neben den persönlichen Aktivitäten eine große Rolle. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis sich die Einsicht durchgesetzt hat, daß die Reformation den päpstlich organisierten Katholizismus gerettet hat, der sonst in Nationalkirchen aufgegangen wäre. Und es wird vermutlich noch lange dauern, bis die durch Luther beförderte staatliche Obrigkeitsmentalität (die ironische Halbschale zur katholischen Hierarchie) sich dem theologischen Direktverhältnis zu Gott angeglichen hat. Als Pfälzer rege ich an, die gerade erschienene Aufarbeitung (von B. Bonkhoff) bei einer Neuauflage einzuarbeiten.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 



2. Oktober 2017
 
 Hartlaub, F.: Don Juan d’Austria und die Schlacht bei Lepanto,
hrsg. von Wolfram Pyta und  Wolfgang, M. Schwiedrzik,

Edition Mnemosyne, Neckargemünd & Wien 2017, 291 Seiten,
24, Euro, ISBN 978-3-934012-30-1

 
Der 7. Oktober 1571 war einer der Tage, an dem sich das Schicksal des christlichen Europas entschied. Eine vereinigte Flotte katholischer Mächte (Spanien, italienische Städte, der Vatikan) stand einer übermächtigen Kriegsflotte des Osmanischen Reiches gegenüber, die als unschlagbar galt. Das listige Frankreich und das ebenfalls katholische Portugal sowie die protestantischen Mächte (vor allem England) beteiligten sich mit ihrem Politschacher nicht. Philipp II. und Papst Pius V. vertrauten das Kommando der Liga dem gerade 24 (vierundzwanzig) Jahre alten Don Juan d’Austria an – ein scheinbar aussichtsloses Unterfangen. Der militärstrategische Geniestreich hätte heute noch anstelle der vielen Trauertage einen dankbaren Gedenktag verdient, denn bei verlorener Schlacht hätte sich das Osmanische Reich bald über zwei Drittel Europas ausgedehnt. Man muß schon den Ort des Geschehens besucht haben (wie der Rezensent), um tief genug zu begreifen, was damals auf dem Spiel stand. Die Dissertation Felix Hartlaubs, die er  1939 abschloß, beschreibt die dramatischen Vorbereitungen und den noch dramatischeren Schlachtablauf. Die beiden Herausgeber ordnen Hartlaubs militärhistorische Schrift ausführlich und gehen auch auf sein Lebenswerk ein, das sich insoern ebenfalls spannungsreich liest, als Hartlaub mit Tarnkappe im innersten NS-Zirkel tätig war und sein literarisches Werk unvollendet blieb. Mitherausgeber Schwiedrzik verweist auf strukturelle Ähnlichkeiten des islamischen  Imperialismus von  damals und heute (ab 33 ff.) und ist zurecht erstaunt darüber, daß der damals mitkämpfende Cervantes Lepanto nicht als literarische Vorlage gewählt hat (38). Man kann über noch viel mehr erstaunt sein, wenn man das Buch liest, darunter die Blindheiten und Vergeßlichkeiten damals wie heute. Merkels Tapsigkeit und Erdogans Dreistigkeit – ein Don Juan d’Austria ist noch nicht in Sicht.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
 
 

  
22. Juni 2017

 
Horst, U.: Thomas von Aquin. Predigtbruder und Professor,
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2017, 338 Seiten, 69,- Euro,
ISBN 978-3-506-78679-1
 
Während der Aquinate im kirchlichen Leben (vgl. die Gesangbücher) und in der Theologie seit mehr als siebenhundert Jahren eine Dauerpräsenz beansprucht, scheint seine Wahrnehmung in der Philosophie und in den Wissenschaften Konjunkturen zu unterliegen. Derzeit wird in philosophischen Zeitschriften und in Feuilletons auf Thomas (1224/25 – 7. März 1274) erstaunlich oft Bezug genommen, selbst Literaten zitieren selbstkritisch den Satz kurz vor seinem Tod: »…alles, was ich geschrieben habe, scheint mir wie Stroh zu sein«. Und er hat wahrlich viel geschrieben, an seiner ›Summa theologicae‹ bis fast zum letzten Atemzug. Die Wirkungsgeschichte widerlegt seine Skepsis, Thomas ist wohl der herausragendste Philosoph und Theologe im Mittelalter, vergleichbar nur mit Augustinus am Ausgang der Antike. Noch bevor die aktuelle Thomas-Konjunktur einsetzte, hatte ich die Bände der ›Summa theologicae‹ gekauft und hielt Ausschau nach hilfreichen Kommentaren, ohne die der Aufbruch im 13. Jahrhundert nicht zu verstehen ist. Da kommt das Thomas-Buch des Dominikaners Ulrich Horst (Blieskastel) gerade recht. Der Spezialist für mittelalterliche Philosophie und Theologie leitete an der Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) in München  ein Institut mit gleichem Schwerpunkt und  ist Verfasser zahlreicher Texte zur Thomasforschung. Der vorliegende Band enthält vierzehn Texte von Erstveröffentlichungen aus der Zeit von 1974 bis 2010, ein Beitrag wird hier erstmals veröffentlicht, ein anderer ist in englischer Sprache gehalten. Das Themenspektrum ist anlaßspezifisch weit, manche Texte werden nur Theologen, Philosophen und Historiker interessieren, doch einige Aufsätze sprechen auch den gebildeten Laien an, sofern er die Rolle der Kirche und Theologie für die Ideengeschichte Europas erkennt und des Lateinischen einigermaßen mächtig ist. Horst übersetzt nämlich die häufigen in Latein gehaltenen Fußnoten nicht und listet im Anhang auch nicht Publikationsorgane auf, mit deren Abkürzungen gebildete Laien wenig anfangen können. Ein Sammelband also doch nur für Spezialisten? Nein, wenn man tiefer bohren will und einen Lese-Einstieg über Persona wählt:
1.  Was hat Thomas von Aquin veranlaßt, in den Predigerorden einzutreten?
3,  Thomas von Aquin und der Predigerorden
7.  Thomas von Aquin – Professor und Consultor
15. Thomas von Aquin – Person und Werk .

In diesen Beiträgen werden die Persönlichkeit, ihre Epoche und die damaligen Mentalitätsräume deutlich. Der sechsjährige Thomas wird von seinen adeligen Eltern als ›Gottesgabe‹ den Benediktinern in Montecassino übergeben, doch wenige Jahre später wechselt er, gegen den Widerstand der Eltern, zum Predigerorden der Dominikaner über, weil diese im damals sich ausbreitenden Städtewesen freiere Entfaltungsmöglichkeiten boten. Der Aquinate bleibt ein Leben lang eine Stadtfigur: als Student, Prediger und Universitätslehrer in Neapel, Köln, Paris, Orvieto, Rom und wieder Paris und Neapel. Zentral bleiben die Ideen von der nachfolge Christi und der Organisation der Papskirche. Ihr widmet Horst vier weitere Beiträge (Nr. 5, 8, 11. 13), die bis heute aktuell geblieben sind, darunter die ›Sonderstellung des Bischofs  in der Kirche‹ /Nr. 8) und der päpstliche Primat (Nr. 13).
Wie weit die Gedankenwelt des Heiligen von der Diesseitigkeitsverhaftung der Moderne entfernt ist, wird beim Lesen des Textes über ›Wunder und Bekehrung‹ (Nr. 10) überdeutlich. Doch der ›instinctus interior‹ sucht sich in allen Zeiten seinen Weg.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. Aus: www.walthari.com
Münchweiler bei Pirmasens; Universität Landau/Pfalz