Besprechungen
22. Mai 2012
Kolb, G.:
Einführung in die Volkswirtschaftslehre.
Wissenschafts- und ordnungstheoretische Grundlagen
Oldenbourg
Verlag, München 2012, 2. Auflage, 156 Seiten, 29,80 Euro
Das Grundlagenbuch erschien in erster Auflage 1991 im Verlag
Vahlen und liegt nun überarbeitet bei Oldenbourg vor. Gerhard Kolb hatte, wie
der Rezensent, einen Lehrstuhl für Allgemeine Wirtschaftslehre und ihre
Didaktik inne, ist also qua Forschungs- und Lehrauftrag u.a. dazu berufen, die
komplexen Sachverhalte der wirtschaftswissenschaftlichen Teildisziplin Volkswirtschaftslehre
didaktisch aufzubereiten, um sie verständlich zu lehren und verstehbar zu
machen. Was den Autor in besonderer Weise dazu befähigt, ist die komplementäre
Veröffentlichung ›Geschichte der Volkswirtschaftslehre‹ (sie liegt seit 2004
ebenfalls in zweiter Auflage vor). Zwei Denkstile sind am Werk: das Denken in
Ordnungen und das Denken in Entwicklungen. Nimmt man den
wissenschaftstheoretischen Blick hinzu, hat man (fast) alles beisammen, um die
Ökonomie transparent zu machen.
Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile mit sieben
Unterkapiteln. Die ausführliche Standortbestimmung (Teil 1) und die durchgehend
disziplinübersteigende Literaturorientierung sind für ein Fachlehrbuch gewiß außergewöhnlich.
Unter den zentralen Wirtschaftskategorien wird leider nur die Knappheit
erwähnt. Zentral ist das Kapitel über die Morphologie der Wirtschaftsordnungen,
womit Kolb den Ansatz Walter Euckens aufgreift, um System- und Formelemente der
Volkswirtschaftslehre herauszuarbeiten, darunter Entscheidung, Koordination,
Verteilung, Planung und Eigentum. Der mathematisch und anglophil ausgerichteten
Disziplinvorherrschaft hält Kolb die dogmengeschichtlich vergessene Typologie
der Wirtschaftsordnungen entgegen und setzt damit als Wirtschafsdidaktiker ein
deutliches Warnzeichen. Dazu paßt seine Kritik im letzten Kapitel: Vor lauter
Modellhuberei vergißt die vorherrschende Volkswirtschaftslehre die Geschichtsnotwendigkeit
des eigenen Denkens. Noch schlimmer: Ȇber Methodenfragen wird kaum noch
nachgedacht« (S. 131 f.). Im Ergebnis liegt eine gelungene, auch für Laien
verständliche Elementarisierung einer Disziplin und zugleich eines
Lebensbereiches vor, deren Bedeutung weithin unterschätzt wird.
©
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com
18. Mai 2012
Canis, K.:
Der Weg in den Abgrund. Deutsche Außenpolitik 1902-1914
Verlag Ferdinand
Schöningh, Paderborn u.a. 2011, 719 Seiten, 88,- Euro
Diesen
dritten Band zur Geschichte der deutschen Außenpolitik sollte der Verlag
möglichst bald als Taschenbuch anbieten, damit Schulen, Universitäten und Medien
anhand eines preislich verkraftbaren Textes einen Umlernprozeß einleiten können.
Denn die Deutschen hat man seit bald einhundert Jahren darin eingeübt, sich als
alleinige Schuldige für die Katastrophen im zurückliegenden Jahrhundert zu
betrachten. An dieser Alleinschuldthese haben besonders
angelsächsische Historiker und Politiker eifrig und mit Erfolg gebastelt und
unter deutschen Historikern und Politikern beflissene Helfer gefunden – bis heute.
Den Ersten Weltkrieg, die Urkatastrophe im 20. Jahrhundert, führt man gemeinhin
auf die Tumbheit und imperiale Großmannssucht des Deutschen Reiches zurück,
beginnend mit Bismarck und endend mit dem letzten deutschen Kaiser. Diesem
adeligen Spitzensproß scheibt K. Canis nicht, wie vielfach unterstellt, die
Hauptverantwortung dafür zu, daß Deutschland in die Kriegsfalle tappte. Es
waren vielmehr politische und diplomatische Kräfte der führenden Kolonialmächte,
mit London an der Spitze, die den deutschen Nachzügler im weltpolitischen
Konzert ausgrenzen wollten, auch um den Preis eines Krieges. Dafür liefert die
Bündnispolitik Großbritanniens mit Japan, Rußland und Frankreich vor 1914 (darunter 1904 die Entente Cordiale)
den schlagenden Beweis. Insbesondere London suchte die sich ankündigenden
weltpolitischen Verschiebungen um jeden Preis zu verhindern und nutzte jedes deutsche Fehlverhalten und Intervenieren
(erste Marokkokrise 1904/1905 u.a.) geschickt aus. Die deutschen Einkreisungsängste
waren nicht aus der Luft gegriffen; sie existieren bis heute im Euro-Rahmen,
abzulesen u.a. an den Targetforderungen der Bundesbank: was früher militärisch
bewerkstelligt wurde, unternimmt man heutzutage währungs- und EU-politisch. Nach
Canis unterlag dem Geschehen bis 1914 dennoch keine Zwangsläufigkeit hin zum
Krieg. Trotz aller martialischen Sprüche war es kein Kriegsziel Deutschlands,
zur europäischen Hegemonialmacht aufzusteigen. Es ging der deutschen Diplomatie
um einen Ausgleich mit den alten Kolonialmächten und um eine Rettung Österreich-Ungarns.
Alle Mächte schlitterten in die Urkatastrophe, weil sie die historische
Erfahrung unterschätzten, daß begonnene Kriege ihre eigene Dynamik entwickeln. Das
zweimalige Beistandsversprechen des deutschen Kaisers gegenüber Wien gehört zu
den offenbar strukturell unausrottbaren Höllenritten deutscher
Spitzenpolitiker, die in unserer Gegenwart gleich mehrfach nachgeahmt werden
(so durch Bundeskanzlerin Merkel, die ohne jegliche demokratische Legitimation die
Sicherheit Israels zur deutschen Staatsräson erklärt hat) . Unter dem Titel ›Der
Weg in den Abgrund‹ kann man aktuell mehrere euro-kritische Artikel und Bücher lesen.
Kaum einem Leser ist das historische Katastrophenmuster bekannt, das Canis sehr
detailliert und ausführlich beschreibt. Trotz aller Unterschiede im Rahmenbau: Reichskanzler
läßt sich vielfach ohne sonderliche Verfremdung durch Bundeskanzler(in) im Text ersetzen. Das zum
Klassiker der Geschichtsschreibung geeignete Buch bietet acht Hauptkapitel:
I.
Der Mißerfolg der Freihandpolitik (1902-1904)
II.
Kontinentalbund als Alternative: Die erste
Marokkokriese 1905/06
III.
Im Zeichen fortschreitender Isolation
(1906-1908)
IV.
Politik der Stärke: Die Bosnische
Annexionskrise 1908/09
V.
Ausgleichsversuche: Die europäische und die
weltpolitische Dimension (1909-1911)
VI.
Doppelte Offensive: Die zweite Marokkokrise
1911
VII.
Chancen und Illusionen im Verhältnis zu
England (1912-1914)
VIII.
Permanente Spannung im Osten (1913/14)
Schmerzlich vermißt wird ein Stichwortverzeichnis.
Wer sich nicht auskennt, wird lange suchen müssen, bis er z.B. die Seiten zur
Julikrise findet.
©
Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer, ausgenommen die Originalzitate. Aus: www.walthari.com