Walthari
 

Historisches und Aktuelles
aus der Welt der Wissenschaften


 

Epochengestalten


22. November 2013
  
 Giovanni Boccaccio
 geb. 1313
gest. 1375

  Vor siebenhundert Jahren wurde er geboren – man kann es kaum glauben angesichts der Frische seines Decamerone. Unehelicher Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, Kindheit in Florenz, Banklehrling in Neapel, Jurastudent dortselbst und fleißiger Leser antiker Literatur. 1441 Rückkehr nach Florenz, wo er die Pestepidemie 1348 überlebte, die als Rahmenhandlung seines Dekamerone diente. Sieben Frauen und drei Männer haben sich zehn Tage (gr. deka – zehn; hemera – Tag) zurückgezogen und erzählen sich nach thematischen Vorlagen aufregende Geschichte: groteske, ironische und schlüpfrige, allesamt Milieuschilderungen. Zuvor hatte der zum Diplomaten gewordene Dichter eine Petrarca-Biografie geschrieben und danach eine Dantebiografie. In einer Kirche begann er im Alter eine Lesereihe aus Dantes Göttlicher Komödie.
 
Der Freund Petrarcas gab vor, in Paris gezeugt worden zu sein, als sich sein Vater mit einer Tochter des französischen Königs eingelassen haben soll. Das erleichterte ihm den Einstieg in die Hofgesellschaft Neapels. Florenz war noch nicht die glanzvolle Stadt des Humanismus und der Renaissance, das 14. Jahrhundert gehört noch zum Mittelalter, dem allerdings das neapolitanische Königshaus ein glanzvolles Schlußlicht aufsetzte. Boccaccio stieg zum Berater der Königs auf und benutzte dessen große Bibliothek für seine Studien. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Kontor, ohne allerdings sein gesellschaftliches Leben und das Lesen und Schreiben zu vernachlässigen.
 
Eine Bankenkrise zwang ihn zum Jahreswechsel 1340/41 zurück nach Florenz, wo er öffentlich tätig wurde und von der Stadt mit diplomatischen Missionen häufig unterwegs war, so zum Papst nach Avignon.
Dem Dekamerone liegt eine komplizierte Struktur…
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  Aus: www.walthari.com
 




5. Oktober 2012

  
Bernard Bolzano
 geb. am  5. Oktober 1781 in Prag
gest.  am 18. Dezember 1848 daselbst
 
Über einhundert Jahre hat es gedauert, bis der Sohn eines italienischen Kunsthändlers und einer Prager Kaufmannstochter unter Mathematikern zu Ruhm gekommen ist. Die Mengenlehre Georg Cantors z.B. hat von Bolzano profitiert, der zugleich als Theologe und Philosoph tiefe Spuren hinterlassen hat, die nur unter Fachleuten bekannt sind. Mit 24 Jahren wurde er zum katholischen Priester geweiht und im gleichen Alter zum Professor für philosophische Religionslehre ernannt. Seine rationalistische Religionsauffassung führte auf Betreiben Wiens zur Amtsenthebung, was sich als Glücksfall für die Mathematik und Philosophie erwies; denn 22 Jahre lang arbeitete er als Privatier in Südböhmen. Erst 1841 kehrte er als Sekretär der mathematischen Abteilung der Königlichen Böhmischen Gesellschaft nach Prag zurück. Philosophisch variierte er Kant mit dem Satz: »Wähle von allen die möglichen Handlungen immer diejenige, die, alle Folgen erwogen, das Wohl des Ganzen, gleichviel in welchen Teilen, am meisten befördert.« Religionsphilosophisch vertritt er eine rationalistische Glückslehre, die ihn als einen der Urväter der instrumentellen Religionsauffassung im kritischen Rationalismus ausweist, ihn aber zugleich außerhalb der biblischen Offenbarungslehre stellt. ›Von dem besten Staat‹ lautet der Titel einer kleinen Schrift, worin er sozialutopische Vorstellungen entwickelt.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  Aus: www.walthari.com
 

29. August 2011

John Locke
geb. am  29. August 1632 in Wrington
gest. am 28. Oktober 1704  in Oates

Der heut vor 379 Jahren geborene Philosoph hat wie nur wenige andere die Geistesgeschichte Europas geprägt. Auf ihn geht die Trennung von Staat und Gesellschaft zurück, die sich in den aufgeklärten Verfassungen niederschlug und deren Mißachtung eines der politischen Grundübel unserer Epoche ist. Der Gesellschaft ein weitgehend autonomes Recht auf Selbstorganisationen einzuräumen war eine der Grundideen des englischen Enzyklopädisten. Nur so bleiben Staaten stabil, wobei die Herrscher ihre Legitimation von der Gesellschaft einholen müssen und nicht  umgekehrt, wie es modern weitgehend der Fall ist. Denn der ›moderne Staat‹ hat in raffinierter Weise die Gesellschaft von sich abhängig gemacht (mit Subventionen usw.).

Wie schon vor ihm Thomas Hobbes, lehnte John Locke eine universitäre Dauerstellung ab und beschäftigte sich privatim mit Medizin, Mathematik, Pädagogik, Theologie, Philosophie, kurz: mit allen Disziplinen (daher Enzyklopädist) und war zudem als Arzt, Erzieher, Politiker, Diplomat und Geschäftsmann tätig. Wissenschaft und Philosophie entsprangen für ihn aus dem praktischen Tätigsein. Seine Idee vom bürgerlichen Subjekt und von der Volkssouveränität prägte die europäische Aufklärung insgesamt und schlug bis in Lessings ›Nathan‹ und Schillers ›Don Karlos‹ durch. Nach. J. Locke müssen Subjekte sich selbst verantworten: ökonomisch und politisch. Kants berühmtes Mündigkeitsdiktum vom 5. Dezember 1783 (»Aufklärung ist…«) fußt auf Lockes liberalistischem Konzept, das...
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com
 


13. Juli 2009

Hans Blumenberg
geb. am  13. Juli 1920 in Lübeck 
gest. am 28. März 1996 in Altenberge

Der Philosoph wäre heute 89 Jahre alt geworden. Ich habe ein halbes Dutzend seiner Bücher studiert und staune darüber, daß ich auf keine Texte über die Person gestoßen bin. Er war kein sog. Öffentlichkeitsintellektueller und erreichte daher außerhalb der Bildungselite keine größere Bekanntheit. Nachdenklichkeit im Stillen, um den Kairos zu erhaschen, fern allem Arenalärm analytisch-mechanistischen Denkens. Geschichte und Judentum bleiben lebenslang Zentren. Seit 1960 Universitätslehrer an verschiedenen Orten. Statt großer Systeme scharfsinnige Untersuchungslinien, auch im ironischen und anekdotischen Tonfall. Daß die technische Zivilisation die Erde ruiniert, hat ihn ebenso beunruhigt wie die Bildungs- und Geschichtsauszehrungen. Geschichts- und Sprachphilosophie fallen bei ihm ineins. Vier Schriften zur Metaphorologie, um verborgene Sinnmitteilungen bloßzulegen. Die metaphorische Methode versteht sich als Widerpart zur technizistischen Erzwingung der Sache. Was sind schon die Müllberge der empirischen Methode gegen die »absolute Methapher«, die in eine bleibende Grundvorstellung über historische Einheiten eingepackt ist. »Stellrahmen« statt Statistik. Jene zu orten, bringt Ordnung. Sinn birgt der Mythos, dem Blumenberg durch »Arbeit« offenbar werden läßt, in Begleitung von Schelling und Heidegger vor allem. Sie alle blicken in die polytheistische Welt der altgriechischen Götter, die bis heute den mythischen Teppich des Abendlandes mitflechten. Dabei garantiert »Bedeutsamkeit« gegenüber der »Benommenheit« (in den Mythen und in der Härte der Wirklichkeit) ein freies Leben. Mit Gedanken über »Lebenszeit« und »Weltzeit« verabschiedete sich Blumenberg. In der Geschichte sah er »auch das Entkräftete immer noch als potentielle Anamnesis«.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


11. Februar 2009

Hans-Georg Gadamer
geb. am  11. Februar 1900 in Marburg/Lahn 
gest. am 13. März 2002 in Heidelberg

Das Leben des Heidegger-Schülers deckt ein ganzes Jahrhundert ab. Sein Hauptwerk ›Wahrheit und Methode‹ (1960) wirkt weit über die Philosophie hinaus, weil darin der universale Aspekt des Verstehens in den ›Räumen‹ der Sprache und Tradition beschrieben wird, der alle Wissenschaften, insbesondere aber die Geisteswissenschaften betrifft. Im Prüfrahmen dieser Hermeneutik werden Verstand und Vernunft gezähmt, d.h. ihr Geltungsanspruch an der kulturellen Entwicklung (seit der Antike) gemessen. Gadamer studierte in Breslau und Marburg u.a. bei Martin Heidegger, Paul Natorp und Nikolai Hartmann. Nach Habilitation und Privatdozentur wurde er 1937 zum Professor ernannt, lehrte ab 1939 in Leipzig und ging während des Krieges in die innere Emigration. 1946/47 wurde er Rektor in Leipzig, 1947 Nachfolger von Karl Jaspers in Heidelberg. Hegel, Schleiermacher, Dilthey und Husserl stehen im Mittelpunkt seines Interesses, daneben Hölderlin, Goethe und Rilke, die seine Kunstauffassung beeinflußten. Hermeneutik überschreitet die Interpretationsgrenze von Texten und wird zur Bedingungsanalyse für Verstehen unter verschiedenen historischen Horizonten. Seine Hauptthese lautet: Tradition ist nicht vorschnell als feste Größe zu begreifen, vielmehr produktiv zu erschließen für offene Möglichkeitssichten – jeweils im ›Raum‹ der Sprache als unhintergehbarer Horizont. 

Diese Auffassung mußte ihn in Konflikt mit linken Ideologien und aufgeklärt sich wähnenden Geschichtsphilosophien bringen, die auf Traditionsbrüche und absolute Vernunftgläubigkeit ausgerichtet waren. Enttäuscht vom geistigen Klima der 70er Jahre in Deutschland wandte sich Gadamer zunehmend dem Ausland zu, lehrte in den USA und in Paris. Seine ›Gesammelten Werke‹ (1995 abgeschlossen) sind eine solide Basis für die Fortsetzung einer außerordentlichen Wirkungsgeschichte.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


8. Februar 2009

Diadochus Proklos
geb. am  8. Februar 412 in Konstantinopel 
gest. am 17. April 485 in Athen

Mit der gegenwärtig verstärkten Rückbesinnung auf die deutschen Mystiker wird der Name Proklos auch für Nichtphilosophen zum Begriff. Meister Eckhart und sein Schüler Heinrich Seuse haben sich auf den byzantinisch-hellenistischen Platoniker berufen und gerieten ins Visier der Kirche (die Schriften Eckharts wurden verurteilt, Seuses akademische Karriere verhindert). Proklos hat in Alexandria studiert und wurde 447 Leiter der Platonischen Akademie in Athen. Über sein Leben weiß man zuverlässig nicht viel. Seine Schüler waren von seiner Lehrart begeistert, fürchteten aber wohl gleichzeitig seinen streng geregelten Tagesablauf. Die von Proklos geprägte Trias der Wirklichkeit wirkt bis in die Gegenwart nach: das Eine ist absoluter, universaler »Grund« von allem, geschieden von allen anderen Wirklichkeiten (absolute Transzendenz, unsagbar, allenfalls negativ zu bestimmen). Aus dem Einen entfalten sich über Zwischenformen der Vielheiten in Richtung Leben und Geist. Alle Wirklichkeitsformen bleiben kreishaft verbunden, so daß der »Grund« in allem Anderen anwesend bleibt, nicht freilich als pantheistische Identität, sondern als All-Einfassung. Jede Wirklichkeitsstufe hat ihren eigenen ontologischen Status und steht dennoch in einer dynamischen Korrelation zu jeder anderen Stufe. Die Rückbindung an das Eine erlaubt es dem Menschen, den »Grund« in sich selber zu entdecken und damit auch seinen transzendentalen Ursprung, wenigstens in zeit-freien punktuellen Momente (ekstatisches Innesein). Für Proklos ist die Philosophie nichts anderes als der Weg zum Einen, das auch schon irdisch geahnt und geschaut werden könne. Damit entmythologisiert Proklos die griechische Götterwelt, die nunmehr als bloße Allegorie erscheint; andererseits re-mythologisiert er Leben und Denken auf einen monotheistischen Grund zu, der kultisch erfahren wird. Seine Philosophie stellt er vor allem in Kommentaren zu Platons Dialogen vor. Thomas von Aquin machte Proklos kirchlich hoffähig. Albertus Magnus und Meister Eckhart dachten ebenso proklisch wie Heinrich Seuse, Johannes Tauler und Nikolaus von Kues (»das Eine in uns«). Auch Schellings und Hegels (nach Feuerbach der »deutsche Proklos«) Weltsysteme fußen auf der Triade des spätantiken Denkers. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


7. Januar 2009

Christian Garve
geb. am 7. Januar 1742 
gest. am 1. Dezember 1798

In Breslau geboren und gestorben, erscheint der als Popularphilosoph geschmähte Meditationsdenker in jeder Hinsicht als provinziell. Aufgabe der Philosophie sei es, Lebenshilfen zu geben und sich nicht zu sehr in abstrakten Spekulationen zu ergehen – eine Spitze gegen Kant. Seine Philosophieprofessur in Leipzig mußte Garve aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Verarmt lebte er bis zu seinem Tod in seiner Geburtsstadt, wo er sich mit Übersetzungen (Edmund Burke, Adam Smith, Cicero u.a.) über Wasser hielt. Unter dem Einfluß von Kant u.a. blieb Garves Anstoß zu mehr Empirie und Pragmatismus in Politik und Gesellschaft ungehört, zumal er den Fürsten ein machiavellistisches Verhalten zubilligte und damit gegen den aufkommenden Zeitgeist (um 1789) verstieß. Vom Gesichtskrebs schwer gezeichnet, schrieb er bemerkenswerte Bücher: ›Über die Geduld‹ (1792), ›Über Gesellschaft und Einsamkeit‹ (1797/98) und ›Übersicht der vornehmsten Prinzipien der Sittenlehre‹ (1798). Garve zählt zu den fast gänzlich vergessenen Denkern im deutschen Geisteshaushalt. Daß er höfisch geprägten Umgangsformen sympathischer gegenüberstand als bürgerlichen Direktheiten, hat ihn seit zweihundert Jahren nicht nur in seiner Zunft entfremdet.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


Hermann Samuel Reimarus
geb. am 22. Dezember 1694 in Hamburg
gest. am 1. März 1768 in Hamburg

Der Orientalist gehört ins Pantheon deutscher Gelehrsamkeit. Lessing lobte ihn als »wahren gesetzten Deutschen«, weil er seine »Gesinnungen« gerade heraussage und den »Beifall seiner Leser« nicht zu »erschmeicheln« suchte. Reimarus löste den brisantesten Religionsstreit im 18. Jh. aus. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Philologie unternahm er Bildungsreisen nach Holland und England (die Italienmode war noch nicht angebrochen) und wurde Rektor zuerst in Wismar, dann (auf Lebenszeit) am Hamburger Johanneum. Zugleich übernahm er den Vorsitz der ›Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Kunst und nützlichen Gewerbe‹. Reimarus vertrat den englischen Deismus, der Gott aus Vernunftgründen statt aus Offenbarungen annahm und allen denkenden Menschen zugänglich sei. Diese Auffassung vertrat der gläubige Protestant in seiner erst posthum veröffentlichten, anonymen Schrift »Fragmente eines Ungenannten‹ (auszugsweise zwischen 1774 und 1777 veröffentlicht). Die darin geäußerte Bibelkritik löste »nicht Geringeres als einen Hauptsturm auf die christliche Religion« aus, wie Lessing schrieb, wodurch sein berühmter Streit mit dem Hamburger Hauptpastor Johann Melchior Goeze ausgelöst wurde. Aus dem Wortkampf zwischen kirchlicher Orthodoxie und Aufklärung gingen Lessings wirkungsmächtigen Polemiken hervor. Von Reimarus gehen wichtige Impulse für die Bibelexegese aus. In der langen Diskussionslinie zum Verhältnis von Vernunft und Religion nimmt Reimarus eine herausragende Stellung ein. Albert Schweitzer und Rudolf Bultmann wurden von ihm beeinflußt. Wenn Papst Benedikt XVI. das Thema in die Mitte seiner Theologie rückt, weiß kaum jemand, welche Vordenkerrolle Reimarus gespielt hat. Schon Lessing nannte ihn einen »bekannten Unbekannten«.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


Jacques Lacan
geb.  am 13. April 1901 in Paris
gest. am 9. September 1981 in Neuilly

Arzt und Psychiater, als Guru bewundert und auch zum Harlekin erklärt. Wollte die Psychoanalyse nicht mehr nur als Therapie verstehen, sondern auch als neue Philosophie. die um Hegel kreist. Auf vielen anderen Wissenschaftsgebieten aktiv: Soziologie, Ethnologie, Linguistik, Literaturwissenschaft u.a. Großen Einfluß auf den Poststrukturalismus. Zeitlebens ein unruhiger Geist, den man aus Fachvereinigungen ausschloß, der aber eine herrschende Denkströmung in Frankreich (Lacanismus) auslöste, obschon seine Schriften schwer lesbar sind. Meister der Selbstinszenierung. Jesuitenschüler, Freundschaft mit Künstlern und aneren Zeitgrößen. Erfinder der Theorie des Spiegel-Ichs (vgl. WALTHARI-Heft 50). Wollte tatsächlich eine »psychoanalyse à la française« begründen, gestützt auf die These, daß das Unbewußte ein Produkt der Sprache sei und ausschließlich über diese erfahrbar. Lacan wird in Deutschland oft zitiert, aber wenig gelesen.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


Arnold Gehlen
geb.  am 29. Januar 1904 in Leipzig
 gest. am 30. Januar 1976 in Hamburg

Seine Verwicklungen im Nationalsozialismus erschweren bis heute eine objektive Rezeption. 1933: Mitglied im NS-Dozentenbund, 1940: sein Hauptwerk ›Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt‹, worin die NS-Ideologie legitimiert wurde (ab der 4. Auflage umgearbeitet). Dennoch, so das mehrheitliche Philosophenurteil heute, bleibt Gehlen in der Sache eine bedeutende Epochengestalt, weil er auf existenzielle Fragen bedenkenswerte Antworten gibt. Seine philosophische Anthropologie kreist um drei Fragen: Wie kann man Philosophie ohne Metaphysik betreiben? Wie lassen sich Philosophie und empirische Wissenschaften verbinden? Womit schafft man Lebensorientierungen? Gehlen bereichert wirkungsmächtig die Ethik, Ästhetik, Soziologie und Sozialpsychologie und gilt als einer der Väter der Kulturwissenschaften. Er veränderte die Sicht auf das menschliche Bewußtsein, das nach dem cartesianischen Dualismus dem Körper gegenübergestellt war. Nach Gehlen ist es jedoch ein aus dem Handeln abgeleitetes Phänomen, also ein Prozeßergebnis. Bewegungen und Überlegungen fallen in eins. Handlung, nicht Bewußtsein ist dabei erkenntnisprimär: »Der Mensch ist das handelnde Wesen.« Damit wird eine Brücke von den empirischen Wissenschaften zur Philosophie hergestellt, die mit der aktuellen Hirnforschung neue Aktualität gewinnt. Zusammen mit der biologischen Verhaltensforschung seiner Zeit (Adolf Portmann u.a.) arbeitet Gehlen spezifisch menschliche Entwicklungen und Eigenschaften heraus, so mit dem Begriff des Mängelwesens, der Instinktreduktion, der Unspezifität und der Retardierung. Damit greift Gehlen auf Herder und Nietzsche (der Mensch als »nicht festgelegtes Tier«) zurück. Zum Ausgleich besitzt der Mensch das Wunderorgan Gehirn, das ihn überleben laßt durch Lernfähigkeit und intelligente Anpassung. Die Menschen streben Entlastung an, indem sie Institutionen bilden und sich die Natur dienstbar machen. Daraus resultiert der Dauerkonflikt zwischen Kultur und Naturbewahrung, ebenfalls ein hochaktuelles Thema. Für Gehlen sind Triebüberschuß und Plastizität (Weltoffenheit) stets auch kulturelle Gefährdungsmomente. Mit seinem Reduktionsbild sieht er den Wohlfahrtsstaat voraus. Seine Kritik an der Hypermoral (›Moral und Hypermoral‹, 1969) prognostiziert das Scheitern des ethischen Universalismus’, weil dieser die familiäre Sympathie ins diffuse Globale überdehnt. Hellsichtig auch der sozialdarwinistische Hinweis im Verhältnis von Staat (Institutionen) und Gesellschaft. Gehlens Institutionenlehre favorisiert den Staat als Ordnungshüter und wirkt in Luhmanns Systemtheorie nach, zum Ärger der sog. Frankfurter Schule. Institutionen bieten Entlastung und Orientierung, neigen aber zur bürgerlichen Entmündigung, was Gehlen nicht deutlich wahrnimmt, im Gegenteil: Der Mensch erscheint ihm als »das Wesen der Zucht«, das von außen zu ›züchtigen‹ sei statt von innen durch Lern- und Reifeprozesse. Da offen ist, ob die Mehrheit der Menschen zur Binnenleitung überhaupt fähig ist, richtet die Reizüberflutung und technische Versuchung gesellschaftlichen Schaden an, der durch die erweiterten Möglichkeiten noch gesteigert wird und zur »Übersteigerung der Subjektivität« führt, woraus die bekannte »Primitivisierung« (Boulevard) entsteht. Der Mangel an Binnenhalt zwinge zum harten institutionellen »Außenhalt«. Gehlen liefert eine Reihe weiterer Analysen, die von starker Wirkung sind, so im Rahmen seiner Kunstkritik (›Zeit-Bilder‹, 1960) und Kristallisationsthese, nach der es einen historischen Zeitpunkt gibt, ab dem alle kulturellen Möglichkeiten durchgespielt sind und ein Untergang unausweichlich ist. Insgesamt ist das Gehlen’sche Anregungspotenzial enorm und allermeist aktuell geblieben, aber infolge des NS-Schattens unausgeschöpft, weil unter Dauerverdacht. Überreichlich ausgebeutet hat ihn die modische Handlungstheorie, die, zeitkorrekt imprägniert, ihn kaum zitiert. In der Sache widerspricht seine Subjektivitätskritik der methodisch-biologistischen Handlungsauslegung.
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com


Auguste Comte
geb. am 19. Januar 1798 in Montpellier
gest. am 5. September 1857 in Paris.

19. Januar 2008

Mitarbeiter des Grafen Saint-Simon, Vertreter des Dreistadiengesetzes (zur Entwicklung des Individuums und der Menschheit) und des Enzyklopädischen Gesetzes (beide längst widerlegt). Erfand die soziale Physik, die von nun an Soziologie hieß. Eine seiner wichtigsten Erkenntnisse: Die geistige Entwicklung des Menschen eilt seiner moralischen voraus, woraus sich Instabilitäten ergeben. Aufgabe der Zivilisation sei es, Ordnung und Fortschritt zugleich zu befördern. »In der positiven Philosophie sind Ordnung und Fortschritt die beiden untrennbaren Seiten desselben Prinzips.« Der Atheist Comte ließ sich katholisch trauen, glaubte an Naturgesetze auch im Sozialen. Chaotisches Privatleben, mit phasenweisem Aufenthalt in einer Irrenanstalt. Der Spezialist für Soziales vergriff sich bei der Wahl seiner Frau.1854 : ›Système de politique positive‹ (4 Bde.). Wagte Prophezeiungen, die sämtlich nicht eintraten, ihm aber unter seinen Anhängern dennoch den Status eines Hohenpriesters der Menschheit einbrachten. Auch im heutigen sozialwissenschaftlichen Betrieb eine gängige Referenzautorität. 
 
 

Rudolf Fr. A. Clebsch
geb. am 19. Januar 1833 in Königsberg
gest. am 7. November 1872 in Göttingen

Einer der großen Unbekannten: Begründer der algebraischen Geometrie, die er mit der Funktionstheorie verknüpfte. Zuerst Realschullehrer, ab 1858 Professor in Karlsruhe, später in Gießen und Göttingen. Früher Tod durch Diphtherie. Mitbegründer der heute bestehenden ›Mathematischen Annalen‹ (seit 1868). 
 
 

Johann E. Bode
geb. am 19. Januar 1747 in Hamburg
gest. am 23. November 1826 in Berlin

Bedeutender Astronom, Herausgeber eines Himmelsatlas’, führte die Abstandsregel der Planetenbahnen ein. Ab 1787 Direktor der Berliner Sternwarte. Der von W. Herschel 1781 entdeckte Uranus erhielt diesen Namen auf Bodes Vorschlag. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. – Aus: www.walthari.com
 
 


Heraklit 
um 500 v. Chr.

3. Januar 2008

Über das Leben dieses Philosophen weiß man wenig, von seinen Schriften sind nur Fragmente erhalten. Schon in der Antike waren die Nachrichten über ihn spekulativ.: Sprößling einer aristokratischen Familie, er wurde vermutlich sechzig Jahre alt (ergibt sich aus Hinweisen auf Olympiaden). Er soll auf die Königswürde zugunsten seines Bruders verzichtet haben.

Bis heute ist Heraklit auf den Panta-Rhei-Spruch festgelegt, beginnend mit Platon. Doch der einfache Gedanke des Alles-Vergeht überdeckt andere Einsichten, so diese, daß eine Polis (Gemeinwesen) nur überleben kann, wenn seine Gesetze (nomoi) es erlauben, daß der Fähigste regiert. Als einsamer Mahner kritisierte der Philosoph Homer, Hesiod und Pythagoras, weil sie über Götter und Menschen zuviel Falsches berichteten. Über Homer: Man sollte ihn »von den Wettkämpfen ausschließen und ihn mit Ruten züchtigen«. Darin kann eine frühe Religionskritik gesehen werden.

Am nachhaltigsten wirkte im Altertum seine Naturlehre, deren Anhänger eine Schule bildeten (Herakliteer). Seine Schrift über die Natur soll er im Tempel der Artemis hinterlegt und dieser Göttin geweiht haben. Aus den überlieferten Fragmenten rekonstruiert man eine Natur- und Logoslehre, eine Kosmologie, Theologie, Politik und Ethik, die er sämtlich im Spruchstil (Gnomen) formulierte und ihm den Vorwurf der Dunkelheit eintrug. Beispiel: Das Fragment Nr. 53 spricht vom Krieg als »Vater Aller«, fälschlicherweise übersetzt als: Der Krieg ist der Vater aller Dinge.

Heraklit unterschied zwischen Streit (eris) und Krieg (polemos); solange ersterer als Wettbewerb angenommen wird, bereichert er die Polis – ein urdemokratischer Gedanke, den Heraklit auch in der Logoslehre aktiv sieht: der Widerstreit als Grundfigur der Vernunft, worauf sich später Schelling und Heidegger beziehen. Nietzsche war von der antiidealistischen Perspektive Heraklits beeindruckt. Insofern kann Heraklit als Vater der nüchternen Weltsicht gelten, die es gleichzeitig nicht versäumt, auf die verborgenen Strukturen der Welt zu achten. Dazu seien aber nur Wenige fähig. 
Aus dem Widerstreitcharakter von Natur und Kultur leitet Heraklit den zentralen Gedanken des Ausgleichs ab, der sich ergibt, weil Gegensätze ein Gemeinsames haben. Nikolaus von Kues nahm später den Gedanken als Coincidentia oppositorum auf. 

Identität entsteht aus geheilten Differenzen, so in der Natur und unter den Menschen. Gerechtigkeit ist demnach ein Prozeßergebnis, kein festes Maß. Darauf verweist die berühmte Flußmetapher: »Denen, die in die selben (!) Flüsse hineinsteigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu« (Fragment 12).

Gott ist nach Heraklit das »ewige Feuer«, an dem die menschliche Seele Anteil hat und deshalb unsterblich ist. Weil aber das Höchste unbestimmt (unerkannt) bleibt (apeiron), ist es für die Menschen nicht ratsam, sich spekulativ daran zu binden. Diesen Abstand forderten die Epikureer später noch deutlicher. Zu dieser Haltung sind nach Heraklit nur wenige Menschen fähig, geben sich doch die »Vielen vollgefressen wie das Vieh« (Fragment 29).

»Esel mögen Spreu lieber als Gold.« 
»Vermessenheit ist zu löschen mehr als Feuersbrunst.« 
»Mehr als sichtbare gilt unsichtbare Harmonie.« 
»Das Wesen der Dinge versteckt sich gern.« 
»Der schönste Affe ist scheußlich im Vergleich zum Menschen.« 
»Dem Blöden fährt bei jedem sinnvollen Wort der Schrecken in die Glieder.«
»Denn Hunde kläffen sogar an, wen sie nicht kennen.« 
»Ich habe mir selbst nachgeforscht.« 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer. – Aus:www.walthari.com
 
 


Christian Thomasius 
geb. am 1. Januar 1655 in Leipzig
gest.  am 23. September 1728 in Halle

1. Januar 2008

Das historische Gewicht dieses Voraufklärers steht in krassem Gegensatz zu seiner allgemeinen Bekanntheit. 1691 veröffentlichte er seine ›Vernunftlehre‹, dessen erstes Hauptstück überschrieben ist: ›Von der Geschicklichkeit, die Wahrheit durch eigenes Nachdenken zu erlangen.‹ Das war rund einhundert Jahre vor Kants berühmter Antwort auf die Frage ›Was ist Aufklärung‹. Thomasius kämpfte gegen die »selbst verschuldete Unmündigkeit« (Kant) vor allem an der eigenen Universität, wo er provozierend als ›homme galant‹ und nicht im Talar auftrat und über Samuel Pufendorf Vorlesungen hielt – 1687 als erster in deutscher Sprache. Das war eine Kampfansage an das Monopol des Lateinischen. 1688 wehrte sich Thomasius gegen das Kesseltreiben der Kollegen, indem er eine Monatsschrift herausgab: ›Schertz- und Ernsthafter… Gedanken…‹ war die erste wissenschaftliche Zeitschrift in deutscher Sprache und die Vorgängerin des späteren Feuilletons. Akademische »Pendanterie und Heuchelei, die den Titel der Gelehrsamkeit und Tugend mißbrauchen«, widerten ihn an, ebenso die französische Zeitmode, die an den Höfen und Universitäten herrschte. Seinen berechtigten Spott mußte er mit einer Flucht nach Berlin (1690) bezahlen. Der preußische Friedrich III. richtete ihm eine Professur in Halle ein. Er wandte sich gegen die Herrschaft der Theologie über die Philosophie, forderte die Trennung von Kirche und Staat und wollte christliche Moral und profanes Recht getrennt wissen. Was Thomasius weiterhin so außergewöhnlich erscheinen läßt: Eigene Fehler gestand er öffentlich ein. Im Unterschied zu dem französisierenden Leipniz sah Thomasius in der deutschen Sprache und im Bürgertum seine geistige Heimat.
In der heutigen Welt des Denglischen, der Modul-Pedanterie an den Hochschulen und der Bildungsheuchelei mangelt es an Gelehrten vom mutigen Schlag eines Thomasius. 
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus:www.walthari.com
 
 


Giovanni Boccaccio
geb. im Juni/Luli 1313 in Paris oder Certaldo
gest. am 21. Dezember 1375 in Florenz

21. Dezember 2007

Heute vor 632 Jahren starb in Florenz eine der größten Dichtergestalten des Abendlandes. Unehelich geboren, Banklehre in Neapel, Studium des kanonischen Rechts, des klassischen Lateins und der Literatur. Schon mit der ersten literarischen Arbeit (›Der Filostrato‹, 1337-1339) erweist sich Boccaccio als Vorbote des Humanismus. Wechselnde Aufenthalte in Florenz, Ravenna, Padua und Avignon, wohin der Papst von der französischen Krone gezwungen worden war. Auf der Flucht vor der Pest (ab 1348) schrieb er zwischen 1349 und 1351 die Novellensammlung ›Das Dekameron‹ (hundert Geschichten), die erst 1470 veröffentlicht wurden. Sieben Frauen und drei Männer sind vor der Pest aufs Land geflohen und erzählen sich im Laufe von zehn Tagen aufregende Geschichten. Jede Person hat einen Erzähltag zu einem vorgegebenen Thema. So entstehen Abenteuer-, Liebes- und Ehegeschichten usw. Berichtet wird realistisch-ironisch für »edle Frauen und Jungfrauen«, die kein Latein beherrschen. 

»So wie die Torheit oft manchen um sein Glück bringt und ihn in tiefes Elend stürzt, so zieht den Weisen sein Verstand aus den augenscheinlichsten Gefahren und gewährt ihm vollkommene Ruhe und Sicherheit«.

Giovanni Boccaccio, aus: ›Das Dekameron‹
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus:www.walthari.com
 
 

Schleiermacher, Fr. D. E.
geb. 21. November 1768 in Breslau, 
gest. 12. Februar 1834 in Berlin

Voltaire, d.i. Arouet, Fr. M.,
geb. 21. November 1694 in Paris, 
gest. 30. Mai 1778 in Paris

21. November 2007

Der Gegensatz zwischen den beiden Epochengestalten könnte nicht größer sein.

Der Deutsche: Theologe, Philosoph, Prediger, einer der Referenzväter des Protestantismus. Zwei Ansprüche machten ihn populär: »Universalisierung der Humanität« und »Alle Menschen sind Künstler« (womit er J. Beuys um fast 200 Jahre vorwegnahm). Erzogen von der Herrnhuter Brüdergemeinde bei Görlitz, nach dem Studium zunächst Hauslehrer, danach Prediger an der Charité in Berlin, fleißiger Besucher von Salons, Bekanntschaft mit den Romantikern, Übersetzer der Dialoge Platons (ab 1804), Verfasser der berühmten ›Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern‹, die ihm den Vorwurf des Pantheismus einbrachte, weil er eine anthropologische Konstante beschrieb, die heute unbestritten ist (vgl. WALTHARI-Heft 49): Glauben können aus dem »Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit« von einem unendlichen Absoluten. Aus dieser Selbstevidenz ergeben sich Freiheit und Sozietät. Nach Tätigkeiten in Stolp (Pommern) und Halle wieder in Berlin, wo er mit W. v. Humboldt die Universität begründete und ab 1810  als Professor tätig war. Gilt als einer der Väter der Hermeneutik.

Der Franzose: scharfer Religionskritiker, forderte eine natürliche Moral, die an der sozialen Relevanz zu messen sei; einer der geistigen Väter der Französischen Revolution (1789). Reisender in Sachen Vernunftreligion, die das Bürgerglück forderte, sich gegen den Adel und die kirchliche Dogmatik richtete, Zögling eines liberalen Jesuitenkollegs. Seine Spottlust brachte ihn mehrfach ins Gefängnis, wo er u.a. Theaterstücke schrieb. Einfluß Newtons. Mit seiner ›Abhandlung über die Metaphysik‹ prägte er entscheidend das Aufklärungsdenken im 18. Jh.: Gott müsse aus Vernunftgründen und aus der Erkenntnis der kosmischen Vorgänge angenommen werden, aber ohne Zusatzspekulationen (unsterbliche Seele u.a.). Seit 1750 am preußischen Hof, wo er die Freiheit des Redens genoß, die ihm am französischen Hof verweigert worden war. In seinem ›Dictionnaire philosophique‹ faßte er die Summe seines antichristlichen Denkens zusammen, das ihn als Deisten, nicht als Atheisten ausweist. Nach dem Tod des Preußenkönigs verspottete Voltaire auch seinen Gönner als ›Salomon des Nordens‹. Der Spötter nahm sich Gott und die Welt vor: Descartes, Rousseau, La Mettrie u.v.a. Er glaubte in der menschlichen Natur unveränderliche Gesetzmäßigkeiten gefunden zu haben, welche die Geschichte dirigieren wie die Naturgesetze die physikalische Welt. Unerklärlich, warum der Vernunftprediger die Existenz von Vernunftwahrheiten bestritt und die ›philosophie de l’histoire‹ dazu berufen sah, das Bürgertum aus den Fesseln der Theologie und des Absolutismus zu befreien. Neigung zum Determinismus. Rückzug nach Genf und Mitarbeit an der ›Encyclopaidie‹. Streit mit den Genfer Calvinisten. Durch Finanzspekulationen reich geworden, erwarb er auf der französischen Seite des Genfer Sees ein Schloß samt dazugehörigem Dorf und führte ein luxuriöses Leben. Zuletzt militanter Antiklerikalismus mit Ausrottungsaufrufen: ›Ecrasez l’inf?me!‹
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus: www.walthari.com
 
 
 


Albertus Magnus

15. November 2007

Am 15. November 1280 starb Albertus Magnus in Köln. Seine Bedeutung für die kulturelle und geistige Entwicklung des Abendlandes ist kaum zu überschätzen und wurde schon zu seinen Lebzeiten erkannt. Den Beinamen ›der Große‹ vergab man lediglich an weltliche und geistliche Herrscher, und dabei häufig zu Unrecht. Daß man einen Wissenschaftler ›den Großen‹ nannte und heute noch so nennt, hat bei Albert seine Berechtigung. 

Zur Vita: Vor 1200 im schwäbischen Lauingen/Donau geboren, als Sprößling einer ritterbürgerlichen Ministerialfamilie, die ihn zunächst zu weltlichen Studien nach Oberitalien schickte. Angetan von der religiösen Armutsbewegung, trat er 1223 dem jungen Dominikanerorden bei. Wirkungsstationen: Hildesheim, Regensburg (wo er als Bischof wirkte), Straßburg, Paris und Köln. 1245 Lehrstuhl in Paris, wo er mit seinem aristotelischen Programm begann, das er bis zu seinem Tod konsequent fortsetzte. Die Grundlinie dieses epochalen Vorhabens bestand darin, Philosophie und Naturwissenschaften nicht mehr der Offenbarungstheologie zu unterstellen, sondern der Vernunft, wie es Aristoteles gefordert hatte. Das war mutig und riskant, denn es widersprach der Weltschöpfungs- und Gotteslehre der Amtskirche. In dem Werk ›Summa de creaturis‹ werden Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften von einander getrennt und einer je spezifischen Sichtweise unterstellt. Das war revolutionär, ebenso die Erkenntnis, daß Wissen und Glauben zwei verschiedene Weisen zur Erschließung (Erfahrung) der Welt sind. Damit nahm er die Lehre von Francis Bacon (1561-1626) um Jahrhunderte vorweg, auch Lehrstücke von Kant, Hegel u.a., ohne daß die epochalen Vorarbeiten angemessen gewürdigt wurden und bis heute werden. Obschon die Werke Aristoteles’ kirchenamtlich verboten waren, begann Albert mit einem Aristoteleskommentar. Sein Einfluß auf Meister Eckhart wurde an anderer Stelle in diesem WALTHARI-Portal geschildert. Ulrich von Straßburg: »Mein Lehrmeister, der Herr Albert, ehemals Bischof von Regensburg, war ein in jeglicher Wissenschaft geradezu göttlicher Mann, so sehr, daß er mit Recht als Staunen erregendes Wunder unserer Zeit bezeichnet werden kann.«
© Univ.-Prof. Dr. E. Dauenhauer  – Aus:www.walthari.com
 
 

Epochentexte


2. Januar 2008

Rechtfertigung der Emser Depesche

»Schon in der Tatsche, daß das französische Kabinett sich erlaubte, die preußische Politik über die Annahme der Wahl zu Rede zu stellen, und zwar in einer Form, welche durch die Interpretation der französischen Blätter zu einer öffentlichen Bedrohung wurde, schon in dieser Tatsache lag eine internationale Unverschämtheit, welche für uns nach meiner Ansicht die Unmöglichkeit involvierte, auch nur um einen Zoll breit zurückzuweichen. Der beleidigende Charakter der französischen Zumutung wurde verschärft durch die drohenden Herausforderungen nicht nur der französischen Presse, sondern auch durch die Parlamentsverhandlungen und die Stellungnahme des Gramont-Ollivierschen Ministeriums zu diesen Manifestationen. Die Äußerungen Gramonts in der Sitzung des gesetzgebenden Körpers vom 5. Juli:
›Wir glauben nicht, daß die Achtung vor den Rechten eines Nachbarvolkes uns verpflichtet zu dulden, daß eine fremde Macht einen ihrer Prinzen auf den Thron Karls V. setze... Dieser Fall wird nicht eintreten, dessen sind wir ganz gewiß... Sollte es anders kommen, so würden wir... unsre Pflicht ohne Zaudern und ohne Schwäche zu erfüllen wissen.‹
Schon diese Äußerung war eine amtliche internationale Bedrohung mit der Hand am Degengriff. Die Phrase: ›La Prusse cane‹ (Preußen kneift) bildete in der Presse eine Erläuterung zu der Tragweite der Parlamentsverhandlungen vom 6. und 7. Juli, die für unser nationales Ehrgefühl nach meiner Empfindung jede Nachgiebigkeit unmöglich machte.«

Aus: Otto von Bismarck: ›Gedanken und Erinnerungen‹, 
Kapitel ›Die Emser Depesche‹, Münchener Ausgabe 1962, S. 338 f.
WALTHARI-Zeitung  www.walthari.com
 
 
 

14. November 2007

Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?

»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. 
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben...« 

I. Kant am 5. Dezember 1783, in: ›Berlinische Monatsschrift, S. 516.
WALTHARI-Zeitung,  www.walthari.com